
Gespannt und voller Neugierde flog im Juni unsere vierköpfige Reisegruppe nach Peru, um unsere Partnergemeinde in Santiago de Chuco zu besuchen. Nach einer touristischen Rundreise durch den Süden des Landes mit Zielen wie Arequipa, Titicacasee, Cusco und Macchu Picchu, ging es weiter in den Norden nach Trujillo, wo wir zunächst Pfarrer Reinhold Nann in seiner neuen Gemeinde besuchten. Reinhold Nann war früher Pfarrer hier in St. Konrad und bis 2012 Pfarrer in Santiago de Chuco. In dieser Funktion hatten wir ihn auch schon bei seinen Heimatbesuchen in Deutschland persönlich kennengelernt.
Jetzt betreut er die Gemeinde Miramar in Moche (ca. 28.000 Einwohner), einer Stadt wenige Kilometer südlich von Trujillo. Die Häusern dort sind sehr einfach, viele Straßen nicht asphaltiert und Touristen eher unüblich. Bevor man sich nachts alleine im Ort bewegt, sollte man zuvor mit den Nachbarn bekannt gemacht werden, ansonsten kann es zu unliebsamen Begegnungen kommen. Ca. 60% der Bewohner sind Katholiken, davon ca. 5% regelmäßige Kirchgänger. Auf Grund der Größe der Gemeinde wurde ein pastorales Konzept entwickelt, das die Bildung umschriebener Bezirke beinhaltet, in denen Katechetengruppen das religiöse Leben gestalten und weitertragen. Diese Katechetengruppen zu bilden, anzuleiten und zu organisieren ist derzeit eine der Hauptaufgaben von Pfarrer Nann und mit etlichen Mühen verbunden.
Von Trujillo fuhren wir dann mit einem Bus die 178 km lange Strecke in etwa fünfeinhalb Stunden nach Santiago de Chuco. Die Fahrt von der Küste in die Anden war mehr als beeindruckend. Der Wechsel der Landschaften, von der Küstenwüste entlang eines fruchtbaren Flusstals hinauf in die 3100 m hohe Andenregion mit Wiesen, Weiden und vereinzelten Wäldern, dazu am Horizont das Gebirgsmassiv des über 6500 m hohen Huascaran, ist faszinierend.
Angekommen in Santiago wurden wir vom Partnerschaftsteam, allen voran Wilmer, der uns ja hier in Freiburg besucht hatte, herzlich begrüßt. Nach dem Gottesdienst
mit Schülern hatten wir beim gemeinsamen Abendessen Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Die Partnerschaftsgruppe in Santiago besteht aus 4 Erwachsenen und drei Jugendlichen im Alter von 16 - 20 Jahren.
Reichlich müde sind wir schließlich zu unseren Gastfamilien gebracht worden. Nun durften wir eintauchen in das Leben der Menschen in den Anden. Häuser ohne konstant fließendes Wasser, ohne Dusche und Warmwasser und mit einer Kochstelle am offenen Feuer, sowie dem Meerschweinchenpferch in der Küche, um schnell ein festliches Mahl zubereiten zu können, das waren die ersten fesselnden Eindrücke. In den nächsten Tagen hatte der Partnerschaftskreis ein sehr abwechslungsreiches Programm für uns organisiert. Bei einem Stadtrundgang besichtigten wir das Museum des Dichters und Schriftstellers Cesar Vallejo, der in Santiago geboren wurde und hier sehr verehrt wird. Dann das Büro von Wilmer, der als Berater für Bauern beim Landwirtschaftsamt angestellt ist und die Bauern bezüglich Saatgut und Feldbestellung berät und schließlich das Krankenhaus.
12 Ärzte betreuen 40 Betten, 2 OPs und ca. 500 ambulante Patienten pro Tag. Die häufigsten Gesundheitsprobleme sind Atemwegs- und Magen-Darm-Infekte. Größere Operationen werden im 5 - 6 Stunden entfernten Trujillo durchgeführt. In Santiago werden vornehmlich kleinere Bauchoperationen und Entbindungen vorgenommen. Ein Hauptaugenmerk der ärztlichen Betreuung liegt auf der Gesundheitsvorsorge mit Familienplanung, Schwangeren- und Kindervorsorgeuntersuchungen. Noch
immer sind 30% der Kinder in der Region mangelernährt (Durchschnitt von Peru 20%).
In den nächsten Tagen waren einige Unternehmungen geplant. Durch eine herrliche Andenlandschaft, auf ungeteerten Straßen fuhren wir mit einem Geländewagen in das ca. 2 Stunden entfernte Llaray und besuchten einen Kindergarten und eine Schule. Dort kommen die Kinder aus den umliegenden Höfen und Siedlungen zusammen. Ein Schulweg von einer Stunde ist keine Seltenheit. Die Kinder bekommen in der Schule ein Mittagessen. Zur Schule gehört eine Forellenzucht, die von den Schülern betreut wird. Aktuell wird ein neues Schulzentrum gebaut. Zur Begrüßung stellten sich die Schülerinnen und Schüler bei praller Sonne im Schulhof in Reihe und Glied auf. Vorne standen die Klassen- und Schulbesten, die an ihrer grauen Schuluniform als Auszeichnung verschiedenfarbige Kordeln trugen. Geduldig warteten sie, bis die Ansprachen vorbei waren, dann trugen die Jüngsten einen Pallo-Tanz vor, der typisch ist für diese Region.
Eine weitere Forellenzucht und eine Käserei konnten wir in La Victoria besichtigt. Jeweils ca. 10 Familien haben sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und versuchen ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung und dem Verkauf der Produkte aus Käserei und Forellenzucht zu erwirtschaften. Landschaftlich sehr schön liegt die Forellenzucht. Viele tausend Fische schwimmen in den unterschiedlichen Naturbecken. Allerdings ist das Wasser durch dunkle Schwebteilchen sehr trüb. Die Ursache hierfür könnte die Kohlemine sein, in deren Einzugsgebiet der zuführende Bach liegt. Mit den Betreibern der Kohlemine stehen die Bauern deswegen in Kontakt, aber es scheint ein langwieriger und komplizierter Prozess zu sein, die Minenbesitzer für die Verschmutzung haftbar zu machen. Und ob dies überhaupt gelingt, ist höchst fraglich. Für die Genossenschaft ist es bereits jetzt ein großer finanzieller Verlust, da sie ihre Fische derzeit nicht verkaufen dürfen und ob die Forellen in diesem verschmutzten Wasser noch lange überleben können, ist ebenfalls unklar.
In den 4 Tagen in Santiago de Chuco haben wir auch einen Einblick in das Gemeindeleben unserer Partnergemeinde bekommen. Wir wurden herzlich aufgenommen und hatten Gelegenheit einige Gemeindemitglieder näher kennenzulernen. Außerdem erfuhren wir einiges über die kirchlichen Strukturen und pastoralen Anforderungen. Die Ausdehnung der Gemeinde über ein sehr großes Gebiet im zerklüfteten Bergland mit wenigen Zufahrtstraßen und z. T. weit auseinandergelegenen Höfen, stellt die Menschen und die Pfarrgemeinde vor besondere Herausforderungen.
Ein wesentlicher Unterschied zu hier ist die völlige finanzielle Abhängigkeit der Priester von ihren Gemeindemitgliedern. Ihren Lebensunterhalt und alle pastoralen, sozialen und caritativen Investitionen müssen sie aus den Einnahmen aus Messstipendien und Spenden bestreiten. Dies macht es einheimischen Geistlichen schwerer, Projekte in ihren Gemeinden zu finanzieren, als z. . deutschen Priestern, die auch im Ausland ihr Gehalt von den deutschen Stellen beziehen. In Santiago hat dies dazu geführt, dass z. B. das Restaurant, welches vom erzielten Überschuss eine Armenspeisung finanzieren wollte, geschlossen werden musste, da es sich selbst nicht mehr finanzieren konnte, nachdem Pfarrer Nann weggegangen war. Auch die Schulfinanzierung wird immer schwieriger. Die Schwestern, die zuvor unterrichtet haben, sind ins Mutterhaus zurückgegangen und die Gemeinde musste nun offizielle Lehrer einstellen, deren Gehälter deutlich teurer sind. Wie lange sich das die Pfarrgemeinde noch leisten kann, ist nicht klar.
Konnte sich Pfarrer Nann ohne Probleme das Benzin für die Fahrten in die abgelegenen Teile der Pfarrei leisten, muss Padre Elias sich überlegen, ob er regelmäßig zu den Außenbezirken fährt. Einfach ist eine unabhängige pastorale Arbeit unter diesen Bedingungen nicht.
Welche Erfahrungen haben wir von der Begegnung mit unserer Partnergemeinde mitgenommen? Die offene, herzliche Art, mit der uns die Pfarreimitglieder begegneten, tat gut. Sie haben sich für uns Zeit genommen und haben das, was sie besitzen, mit uns geteilt. Die Spiritualität, der wir begegneten, war für uns eher ungewohnt. Der Glaube ist nicht wie in Europa eher rational verantwortet, sondern manchmal magisch-rituell und teilweise vermischt mit den Mythen der Inkas. Die Kirchen, meist im Stil des spanischen Barocks gebaut, spiegeln etwas von der Macht der spanischen Eroberer wieder. Die Ausschmückung mit dem damals fast grenzenlos verfügbaren Gold der Inkas, lässt einem den Atem stocken.
Die Heiligenstatuen, gehüllt in ihre kostbaren Mänteln, erscheinen für unser Empfinden eher puppenhaft. Aber sie strahlen etwas von der Lebensfreude und Unkompliziertheit der Menschen in den Anden aus. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Patronatsfesten. Bis zu 4 Wochen dauern die Feste. Wer es möglich machen kann kommt dazu, auch wenn er hunderte von Kilometern entfernt wohnt. Die Bande zur Heimatgemeinde, zum Kirchenpatron ist von enormer gesellschaftlicher Bedeutung. Die geschmückten und herausgeputzten Heiligenfiguren werden in großen Umzügen begleitet von farbenfrohen maskierten und unmaskierten Tanzgruppen und Musikkapellen. Wer kann, unterstützt dieses Fest finanziell. Vor allem die jährlich erneuerte Einkleidung des Heiligen ist teuer und es ist eine besondere Ehre, wenn man diese bezahlt. Dass es im Verlauf der Festwochen auch zu einem erheblichen Alkoholkonsum kommt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Beim Gottesdienst fiel auf, dass nur sehr wenige zum Kommunionempfang gehen. Nur wer ganz mit Gott versöhnt ist, empfängt die Hostie. Dies ist für viele Paare ein Problem, da heiraten in Peru sehr teuer ist und sich das viele einfach finanziell nicht leisten können. So ist z. B. für alle Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, der Empfang nicht möglich.
Mit vielen Eindrücken sind wir dann wieder aus Santiago de Chuco weggefahren. In den wenigen Tagen, die wir dort waren, haben wir nur einen Ausschnitt aus dem Leben unserer Partnergemeinde mitbekommen. Es war eine gute Zeit.
Wie sich die Partnerschaft entwickelt, werden die nächsten Monate zeigen. Wir hatten jedoch den Eindruck, dass die Partnerschaftsgruppe in Santiago an der Partnerschaft interessiert ist. Sicherlich ist es wichtig, dass wir ein gemeinsames Projekt finden, das wir unterstützen können, ebenso wichtig erscheint jedoch die persönliche Begegnung, das gegenseitige Kennenlernen. Nur daraus kann sich ein dauerhaftes Miteinander entwickeln.







