Der Innenraum der Pfarrkirche St. Urban
In der Ruhe liegt die Kraft (von Frau Dr. Ulrike Laule)
Am 18. Oktober 1841 hatte Erzbischof Hermann von Vicari in Herdern einen Kirchenneubau geweiht, der das baufällige mittelalterliche Kirchlein ersetzte. Bald erwies sich der Neubau als zu klein und so entstand in den Jahren 1935/36 abermals ein Neubau, der den Turm und die Langhausfundamente der Vorgängerkirche einbezog. Erzbischof Dr. Konrad Gröber kam am 18. Oktober 1936 zur feierlichen Weihe. Hermann Graf, Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes, hatte mit seinen Plänen das Konzept der sog. Herkommer-Kirchen aufgegriffen, ein Bautyp, den der Stuttgarter Architekt Hans Herkommer entwickelt hatte. In St. Urban musste sich Graf wegen der räumlichen Enge des Baugeländes und der hohen Anzahl der geforderten Sitz- und Stehplätze bei den charakteristischen hohen, schlanken Seitenschiffen auf den Chor beschränken. Doch auch hier war er zu Konzessionen gezwungen: Für die Anbringung von Seitenaltären musste er Querwände in die Chorseitenschiffe einfügen, für noch mehr Plätze Emporen einbauen. Prof. Scholz hatte Chor, Taufkapelle und die Rückwände der Seitenaltäre ausgemalt. Eine differenzierte Farbfassung des Langhauses, wie sie für die dreißiger Jahre zu erwarten wäre, wurde – gewiss aus Kostengründen – nicht ausgeführt. Stattdessen erhielten die in der Längsachse des Langhauses um 3,5m hochgesetzte Balkendecke und die statisch notwendigen Zugbalken eine farbige Bemalung. Die Kanzel mit den Bildern der Kirchenväter ist eine Arbeit von Franz Spiegelhalter. Eine Erinnerung an die Vorgängerkirche waren die beiden ersten Langhausfenster vom Chor her gesehen, mit dem Thema Herz Jesu und Herz Marias sowie die sog. Rosenkranzfenster, die Rundfenster in den niedrigen Langhaus-Seitenschiffen, die aus den Scheiben von zwei Fenstern der Vorgängerkirche stammten. Für die Fassade hatte der Karlsruher Bildhauer Emil Sutor eine Kreuzigung mit Maria und Johannes als Assistenzfiguren entworfen. Die Stadt hat 1936 der Anbringung dieser Figuren an der Fassade nicht zugestimmt und die Modelle (der Steinguss unterblieb) mussten zum Bedauern des Künstlers und der Gemeinde der Kanzel gegenüber an der Seitenwand angebracht werden.
Als der große Hauptaltar 1961 entfernt wurde, nahm die Sutor-Gruppe den Platz in der Apsis ein. Die Chorausmalung, die schon seit 1946 Schäden aufwies, war schon früher überstrichen worden. Ein neuer Zelebrationsaltar, Ambo und Tabernakelstele kamen hinzu, die Seitenaltäre wurden abgeräumt und an die Stelle der gemalten Muttergottes trat eine vollplastische Figur, die zuvor den Orgelprospekt geschmückt hatte. Figuren wurden weggeräumt, andere kamen hinzu, Staub und Russ ließen die Wände allmählich grau werden. Man ließ den Chor zunächst rot, später wieder weiß anstreichen.In dieser Situation beschloss man 1984, dass die Urbanskirche eine umfassende Innenrenovierung notwendig hätte. Jahre des Sparens und Planens folgten; 1996 konstituierte sich der Kirchenbauverein neu, dessen Arbeit bis heute äußerst engagiert und effektiv ist. Das Erzbischöfliche Bauamt wurde um Entwürfe für eine Neugestaltung gebeten. Diese Entwürfe wurden geprüft, diskutiert, überlegt.
Die Urbanskirche ist ein Kulturdenkmal. So war es klar, dass Ausstattungsstücke wie die Fenster von Prof. Fritz Geiges bzw. der Freiburger Glaswerkstatt Merzweiler, die Kanzel, die farbige Holzdecke, die Beichtstühle, die Eingänge, die Kreuzwegreliefs, die mit der historischen Ausmalung und dem Taufstein erhaltene (für heutige Bedürfnisse aber zu kleine) Taufkapelle und das Gestühl nach Möglichkeit erhalten bleiben sollten – auch wenn diese Punkte im einzelnen oder insgesamt lange ein Thema heftiger Diskussionen blieben. Klar war auch, dass die Fenster, die 1936 in der sparsamsten Variante angeschafft worden und seit längerem in sehr schlechtem Zustand waren, erneuert werden mussten. Vielfach gewünscht war, die Altarinsel weiter ins Langhaus hinein zu verlängern. Dafür entstand 2002 ein Holzmodell, das fast zwei Jahre bestehen blieb, so dass die Gemeinde viel Zeit hatte, sich daran zu gewöhnen. Für die Fenster und die Gestaltung des Chorraumes wurde Ende 2003 ein Wettbewerb ausgeschrieben. Der PGR entschied sich für den Entwurf neuer Fenster durch Diether F. Domes aus Langenargen und für die Gestaltung des Chorraumes durch Hubert Kaltenmark aus Kressbronn.
Mit der Entfernung der Seitenaltarrückwände und der Emporen legte Kaltenmark das ursprüngliche Raumkonzept frei und schuf einen Altarraum, dessen luftige Helligkeit und komplexe Weiträumigkeit alle überraschte. In diesen neuen architektonischen Zusammenhang fügte er ein ungewöhnliches Konzept von großer theologischer Überzeugungskraft ein: Der Altar besteht aus einem mächtigen Granitquader, aus dem im unteren Teil ein kleinerer Block herausgesägt wurde. So wurde einerseits aus dem zunächst in seiner Silhouette ganz geschlossenen Altar eine Tischform geschaffen, andererseits entstand der Ambo aus ebenjenem kleineren Block. Tisch des Brotes und Tisch des Wortes aus einem Stein – erkennbar daran, dass die unebene und raue Oberfläche des Altars mit dem Meißel geschaffen wurde, während der Ambo wie die Innenflächen des Altars glatt gesägt ist.Der Taufstein, ein Würfel von 80cm Kantenlänge, ist wie der Altar rau. Der Kern, der aus seinem Innern herausgenommen wurde, ist zum Osterleuchter geworden. Zum Ort und Mittel der Taufe wird dieser Stein, indem man eine Schale aus Edelstahl über die Öffnung legt. Zu jeder anderen Zeit steht der Stein als Grab Christi, das von einem Kreuz mit dem Salvator bekrönt wird. Aus dem Grab ist die Basis für die Osterkerze herausgenommen. Tod und Auferstehung gehen wie Brot und Wort auch materiell auseinander hervor, und getauft wird, wie Paulus im Römerbrief schreibt (cf. Röm. 6.3 ff), auf Tod und Auferstehung Christi.
Die neue Tabernakelstele besteht aus dem gleichen Material; auch hier ist ein Kern aus der Vorderfront herausgerückt, welcher der Aufnahme des Ziboriums während der Handlung am Allerheiligsten dient. Über den glatten und matten Flächen dieser Stele gewinnt der alte Tabernakel mit seinen in Silber getriebenen Reliefs einen bisher nicht empfundenen Glanz und eine seiner Bedeutung durchaus adäquate Präsenz.
Einen südamerikanischen Granit, mittelgrau mit deutlich erkennbaren kobaltblauen Adern, runden Einschlüssen in Zinnoberrot und einem hohen Glimmeranteil wählte Kaltenmark für diese Prinzipalstücke. Das Kreuz besteht wie die mit grauem Filz bespannten Sedilien, Hocker und Bänke im Chorraum aus Ulmenholz, einem Material, welches durch das virusbedingte Ulmensterben sehr kostbar geworden ist.
Voraussetzung für die Gestaltung der Fenster von Diether F. Domes war der Verzicht auf ein Bildthema; thematische Darstellungen besitzt St. Urban schon viele: die Fenster der alten Kirche, der Kreuzweg, die Kanzel, die Figuren und Bilder sowie die Ausmalung der Taufkapelle. Zu diesen Bildern sollten und wollten die neuen Fenster nicht in Konkurrenz treten. Domes beschritt einen anderen Weg. Er begreift die Fenster als Inszenierung des Lichts, das den kühlen, klassizistisch geprägten Raum erfüllen und seine festliche Wirkung steigern soll. Seine Mittel sind weiße und hell-grautonige opalisierende Gläser, die das Licht ganz herein lassen, es aber brechen und streuen, damit es den Raum hell und plastisch werden lässt. Alle Langhausfenster haben den gleichen Bleiriss, immer zwei sich gegenüberliegende Fenster sind identisch, bilden ein Paar. Wie in einer Fuge ein immer wiederkehrendes Thema variiert wird, so variiert Domes nur die farbigen Gläser, die vom Eingang zum Chor immer stärker zurückgenommen werden. Denn die Farbflächen – ein helles, fast wässeriges Blau, ein lichtes Grün, wenig kräftiges Rot – wirken strahlender und kostbarer, je sparsamer er sie einsetzt. Zugleich erreicht er mit diesem Wechselspiel eine Vielfalt in den Fenstern, die weit mehr als einen Blick braucht, um erkennen zu lassen, dass die Linien stetig die gleichen bleiben. Es sind die Linien, die sich begegnen, sich kreuzen, parallel laufen, breite Bahnen ziehen und zarte, durchbrochene Konturen andeuten, kleinteilige Gitter bilden oder weite Schwünge und Halbkreise beschreiben, und es sind die Farben, die immer wiederkehrenden Blau-, Grau- und Grüntöne, das wenige Rot, was die Fenster noch nach vielmaligem Betrachten immer wieder neu entdeckbar macht.
Neben den baulichen Veränderungen im Chor - Entfernung der Emporen und Seitenaltarwänden und Verlängerung der Altarinsel - wurden im Langhaus die Bänke zurückgebaut, d.h. unter der Orgelempore und unter den Arkaden der Seitenschiffe sind die Bänke entfernt worden. Die Unterböden und die Gestühlsböden wurden erneuert, die Sitzflächen der Bänke zu bequemerer Tiefe erweitert und die Bänke insgesamt aufgefrischt. Die gelblichen Strukturgläser in den Zugangs- und Beichtstuhltüren sind durch Klar- bzw. Mattglas ausgetauscht, so dass der Raum wesentlich mehr Tageslicht bekommt und eine neue Transparenz zwischen außen und innen entstand. Der Innenraum erhielt einen neuen Verputz mit grober Körnung, die Holzdecke wurde gereinigt und gefestigt, der Orgelprospekt bekam seine ursprüngliche Fassung zurück, die Orgel wurde überprüft und gereinigt, einfache Reparaturen wurden durchgeführt. Auf der Empore ist das Podest verändert und es liegt ein neuer Teppichboden. Die Heizung wurde auf Niedrigtemperaturbetrieb umgerüstet, das Elektronetz wurde neu installiert. Zudem wurden sehr eindrucksvolle Beleuchtungsszenen programmiert (Andacht, Meditation, Konzert, Hochzeit, Osternacht, Christmette usw.), welche einzelne Raum- und Ausstattungsteile ideal beleuchten und die Gesamtwirkung unterstreichen und steigern. Diese Szenen können nun einfach abgerufen werden. Vorhandene Beleuchtungsstandorte wurden ergänzt, eine neue Akustikanlage mit Induktionsschleifen eingebaut. Der Dachboden wurde isoliert und erstmals bequem zugänglich gemacht.Das wohl aus der mittelalterlichen Pfarrkirche stammende Altarbild von J. Ch. Brentzinger, das den Kirchenpatron vor der mittelalterlichen Kirche zeigt, wurde gereinigt und erhielt einen neuen Ehrenplatz. Ebenso haben zwei Tafelbilder des Hofmalers Wilhelm Dürr zu beiden Seiten des Haupteingangs einen neuen Platz gefunden. Sie gehören in einen Zusammenhang von vier Bildern, welche als knapp unterlebensgroße Figuren die Heiligen Caecilia und Bernhard von Baden darstellen, sowie den hl. Josef mit dem Jesusknaben und die hl. Anna, die Maria lesen lehrt. Diese Bilder hingen in der gestelzten Apsis der Vorgängerkirche.










